Johnny Dodds  (1892 - 1940)

Einer der großen Drei
Johnny Dodds war einer der drei bedeutendsten Klarinettisten aus New Orleans am Anfang der Entwicklung des Jazz (neben Sidney Bechet und Jimmy Noone), und während der Zwanziger Jahre war er sogar der wichtigste von allen. Obwohl einige bemängeln, dass er nicht die technische Virtuosität von Bechet oder Noone gehabt habe, hatte er trotzdem einen attraktiven Ton mit warmem Vibrato und sein Sound spiegelte den Blues wider. Dies gepaart mit seinem phantasievollen Ensemble-Spiel machte Dodds zu einem der großen New Orleans Klarinettisten.

Einflüsse
Johny Dodds wurde am 12.
April 1892 in New Orleans, Louisiana geboren. Das war das Jahr, in dem Tom Turpin den ersten bekannten Ragtime, "Harlem Rag", komponierte. Die musikalische Form des Ragtime gab es schon etliche Jahrzehnte und es bediente sich mehrerer Quellen – der klassischen Musik der Konzertpianisten, sowie der populären Unterhaltungsmusik aus Minstrel Shows und Cakewalk Veranstaltungen – aber während sich die Musik entlang den formellen Regeln des Ragtime entwickelte, so war sie doch "lockerer", offener für Improvisationen und die Musik, die letztlich als Jazz bekannt wurde. Scott Joplin, der Hauptvertreter des Ragtime Stils sah Ragtime hingegen als Kunstform vergleichbar und gleichrangig mit klassischer Musik. Ragtime hatte den Gipfel seiner Popularität im Jahr 1899 erreicht und blieb ein wesentlicher Teil der Unterhaltungsmusik bis etwa 1917, als Scott Joplin starb. Aber sogar bevor der Ragtime am Höhepunkt seiner Popularität anlangte gab es einen "colorful character" namens Buddy Bolden, der Ragtime-Elemente entlehnte und sie der Musik der damals sonst dominierenden Brass Bands hinzufügte. Diese Bands sorgten um die Wende des 19. Jahrhunderts hauptsächlich für die musikalische Untermalung der meisten gesellschaftlichen Ereignisse.
Geburten, Hochzeiten, Beerdigungen, Picknicks, Tanzvergnügen   – keine dieser Veranstaltungen wäre ohne eine Gruppe Musiker, die für Hintergrundmusik sorgten, komplett gewesen. Fanden diese Veranstaltungen im Freien statt, kam es darauf an, möglichst laut spielen zu können - laute Musiker waren die besseren Musiker. Buddy Bolden war laut. Wenn er blies, wusste ganz New Orleans wer spielte. Aber es war nicht nur die Lautstärke, Buddy Bolden hatte auch seinen eigenen Stil. Er spielte seine Melodielinien mit der Synkopierung, wie man sie sonst in Ragtimes fand. Und sein Können und Selbstvertrauen auf dem Kornett bedeutete auch, dass wenn er eine Melodie vergessen hatte, oder es ihm langweilig wurde, immer und immer wieder die gleichen Stücke zu spielen, er einfach wie auf Knopfdruck eine neue Melodie erfand. Dies war aber noch nicht im Sinne der Improvisation, die ein integraler Bestandteil des Jazz ist. Es dauerte noch ein paar Jahre und bedurfte des Genies eines Louis Armstrong, bis echte Improvisation Teil des musikalischen Genres wurde. Aber Bolden war ein deutlich erkennbarer Vorläufer davon.
Buddy Bolden gründete seine erste Band in 1895 als er 17 oder 18 Jahre alt war. Er war am 6. September 1877 in New Orleans auf die Welt gekommen und erlernte das Kornettspielen relativ spät, wahrscheinlich um 1894. Trotzdem kannte er die Brass Bands wohl bestens, da die Veranstaltungen bei denen die Bands auftraten oft den ganzen Tag andauerten. Man begann meist mit einem Marsch am Morgen zum Veranstaltungsort und machte bis weit in den Abend hinein weiter, oft sogar bis spät in die Nacht. Wahrscheinlich war Bolden auch mit den beiden anderen Musikformationen gut vertraut, die bei solchen Anlässen auftraten, die Orchester und die Saitenorchester. Der erfindungsreiche Bolden nahm die Saiteninstrumente – Bassgeige und Gitarre – und verwandte sie in der Rhythmusgruppe, was den Blech- und Holzbläsern Raum ließ, die Führungsstimmen zu übernehmen. Ein Umstand, der bestens zu Boldens extrovertierter Persönlichkeit passte. Sogar die Instrumente, die er besetzte, zeigten, dass er seiner Zeit voraus war – das Banjo wurde in dieser Art der Instrumentierung am häufigsten besetzt und der Bass Part wurde der Tuba, nicht der Bassgeige, zugeordnet. Gegen 1905, als Johnny Dodds gerade heranwuchs, befand sich Boldens best bekannte Gruppe gerade auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Die Gruppe bestand aus Bolden auf Kornett, Willie Cornish auf Ventilposaune, Frank Lewis und Willie Warner auf Klarinette, Brock Mumford auf Gitarre, Jimmie Johnson auf dem Bass und Cornelius Tillman am Schlagzeug.

Kid Ory
Ein paar Meilen von New Orleans entfernt liegt der Ort La Place. Dort wurde Edward Ory am Weihnachtstag (25. Dezember) 1886 geboren. Als er sich eines Tages an der Bahnstation von La Place die Zeit vertrieb hörte der junge Edward etwas, was er zuvor nie aus einem der Wagen eines Zuges gehört hatte. Wie sich herausstellte, war dies Buddy Bolden mit seinen Musikern, die sich und anderen so zum Spaß die Zeit vertrieben, während sie zu einem Engagement außerhalb New Orleans‘ fuhren. Der junge Zuhörer, bis dahin Banjospieler, wechselte von Saiten zu Blech und gegen 1911 leitete Posaunist Edward "Kid" Ory seine eigene Band in New Orleans. In der Zwischenzeit, in 1909, hatte ein siebzehnjähriger Johnny Dodds beschlossen, dass er Klarinette spielen erlernen wollte. Im New Orleans der ersten Dekaden des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es nur einen zu dem man gehen konnte, wenn man vom Besten lernen wollte - Lorenzo Tio Junior.
Tio war sogar noch etwas jünger als Dodds (er war am 18. April 1893 in New Orleans geboren worden), aber er war bereits akzeptiert als einer aus einer Familie guter Klarinettisten. Sein Vater, Lorenzo Tio Senior, und sein Onkel Papa Luis Tio waren sehr bekannt in New Orleans. Seit seinem neunten Lebensjahr hatte Lorenzo Junior in Marching und Parade Bands gespielt und seit 1897 spielte er im "Lyre Club Symphony Orchestra". Später spielte er noch in den bekannten "Onward" und "Excelsior" Brass Bands; andere berühmte Klarinettisten, die von Tios Unterricht profitierten waren Jimmie Noone, Barney Bigard, Albert Nicholas und Albert Burbank. Nach nur wenigen Unterrichtsstunden bei Tio war Dodds gut genug, seine ersten professionellen Engagements anzunehmen – er tat dies als Mitglied von Kid Orys Band, zu der er 1911 stieß.

Schwimmendes Konservatorium
Dodds arbeitete in Orys Band bis 1918 und kurz bevor er die Band verließ´, verpflichtete er sich für etwas, was die damaligen Musiker als "schwimmendes Konservatorium" bezeichneten. Dabei handelte es sich um einen der Mississippi Raddampfer; der Name entstand, weil etliche der Jazz Musiker, die auszogen berühmt zu werden – und in einigen Fällen sogar reich – einige ihrer formenden Jahre in einer der Fate Marables Raddampfer Bands verbrachten. Der Pianist und Bandleader Fate Marable wurde in Paducah, Kentucky, am 12. Februar 1980 geboren. Seinen ersten Auftritt hatte er bereits im Alter von gerade neun Jahren, aber man verbindet ihn fast ausschließlich mit seiner späteren Arbeit auf den Riverboats der Region, eine Arbeit, die er 1907 antrat, als er auf dem Dampfer "J.S." in Little Rock, Arkansas ablegte. Man verbindet mit dem Namen Marable auch sein Spiel auf der Calliope, einem dampfgetriebenen, orgelähnlichem Instrument, welches über eine Tastatur Dampf durch entsprechend gestimmte Pfeifen leitet, was ihm einen lauten und schrillen Ton gibt. Das Instrument wird oft mit Messen und Circus in Verbindung gebracht, wo man Boiler verwandte, um Dampf zu erzeugen. Die leichte Verfügbarkeit von Dampf auf den Raddampfern erübrigte einen separaten Boiler und machte das Calliope zur logischen Wahl eines Instrumentes für solche Fahrzeuge.
Marable gründete seine "Kentucky Jazz Band" 1917 und unter den vielen "Absolventen" des "schwimmenden Konservatoriums" waren Louis Armstrong, Zutty Singleton, Henry "red" Allen und Jimmy Blanton. Im Sommer 1918, auf dem Dampfschiff "S.S. President" der Streckfus Reederei zum Beispiel leitete Marable eine Gruppe, in der Johnny Dodds und sein Bruder Baby Dodds am Schlagzeug spielten. Dabei waren auch Joe Howard auf Trompete, Johnny St. Cyr am Banjo, Pops Foster am Bass, Bill Ridgely auf Posaune und Dave Johnson auf dem Mellophone. In der Saison 1919 leitete Marable eine Band mit Louis Armstrong, Johnny St. Cyr und Baby Dodds auf dem Schiff "S.S. Capitol". Die "S.S. Senator" war ein anderes Dampfschiff der Streckfus Linie, auf der Marable eine Band leitete (man fuhr zwischen Pittsburgh und Louisville), wie auch die "S.S. St. Paul", das Dampfschiff auf dem Marable mit dem Trompeter Charlie Creath in Jahr 1920 auftrat. Die Verbindung Marables mit Creath bestand über viele Jahre, in denen die beiden als Partner Bands leiteten. Im Jahr 1940 musste Marable wegen einer schlimmen Infektion eines Fingers aufhören zu spielen und er verließ die Riverboats, auf denen er quasi ununterbrochen über dreissig Jahre lang gearbeitet hatte. Aus dem gelichen Grund musste er auch Angebote ausschlagen in Chicago oder New York zu arbeiten. Marable fing wieder an zu spielen, als sein Finger hinreichend ausgeheilt war (Antibiotika gab es nicht; erst nach 1941), aber nicht auf Riverboats – er trat als Solist in den Clubs von St. Louis auf bis er am 16. Januar 1947 an einer Lungenent-zündung starb.

Storyville
Der Mississippi war die Hauptverkehrsader aus New Orleans heraus und das war die Route, die viele Musiker einschlugen, als der Bezirk Storyville in New Orleans geschlossen wurde. Storyville war nicht der amtliche Name einer Gegend in New Orleans, aber ein Spitzname, den die Einwohner einiger Straßenzüge, die im Oktober 1897 Alderman Sidney Story gewidmet wurden, vergaben. Außerhalb dieses Bereiches war es "ungesetzlich für jede Prostituierte, oder jede der Lust oder Obszönität regelmäßig nachgehende Frau in irgend einem Haus, Raum oder Stübchen zu wohnen, leben oder schlafen". Wie viele der Mythen um den frühen Jazz ist auch die Legende um Storyville und sein plötzliches Ende in 1917 an einen Punkt gelangt, an dem es scheint, als wäre Jazz auschließlich in Bordellen gespielt worden und als ob über Nacht die Musiker plötzlich keinen Platz mehr hatten, Jazz zu spielen. Es ist schon mehrfach festgestellt worden, dass oftmals nur Pianisten in Etablissements wie Lulu Whites Mahogany Hall spielten. Storyville lag tatsächlich im Herzen des Geschäftsviertels von New Orleans, zwischen Bahnstation und Canal Street, eine Verbindung zu den Docks am Mississippi. Es gab jede Menge der üblichen Geschäfte dort, die Kleidung, Gemüse, Töpfereiwaren und gebrauchte Artikel verkauften. Es gab Friseure dort; viele der Musiker schnitten tagsüber Haare. Auch dienten die Friseurgeschäfte als Treffpunkt für Musiker, wo sie oft für Auftritte engagiert wurden.
Storyville besaß auch ein eigenes Gerichtsgebäude und ein Gefängnis, ein Krankenhaus und mehrere Friedhöfe, zwischen denen wahrscheinlich normale Paraden anlässlich Beerdigungen stattfanden, und es gab jede Menge Bars, Cafes und Kneipen. Es ist deshalb durchaus wahrscheinlich, dass die "Bordelle und Mädchenhäuser", die so farbenfroh und ausgiebig in manchen Berichten beschrieben werden, nicht die hauptsächlichen Orte für musikalische Darbietungen waren. Trotzdem, die Region zog einige kriminelle Elemente an. Eine Publikation namens "Blue Book" wurde herausgegeben, die Besuchern Ratschläge darüber gab, wo man hingehen konnte, um "sicher vor Überfällen, erpresserischen Glücksspielen und anderen illegalen Praktiken, die gerne an dem Unerfahrenen in Rotlicht Bezirken ausgeübt werden". Als die Vereinigten Staaten in den ersten Weltkrieg eintraten war die Gewaltbereitschaft der dort stationierten Seeleute gegenüber den Bewohnern so groß, dass in 1917 die Straffreiheit der "Madams" aufgehoben wurde. Deshalb – sagt die Legende – waren die Damen der Nacht und damit auch die Musiker gezwungen, ihrem Gewerbe woanders nachzugehen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach suchten die Jazz Musiker von New Orleans ohnehin nach einem größeren Wirkungskreis. Die Schließung von Storyville mag dazu einen verstärkten Antrieb gegeben haben. Die vereinfachte Geschichte der Jazzmusik tendiert zu der Darstellung, dass die Musiker New Orleans in Richtung Chicago en masse verließen, und dann ganz ähnlich von dort nach New York weiterzogen. Natürlich taten dies viele, aber andere wählten statt dessen die Westküste der USA, wie zum Beispiel Jelly Roll Morton. Und es gab noch jede Menge anderer Städte entlang des Mississippi und seiner großen Nebenflüsse, welche die Musiker willkommen hießen, nicht zuletzt Kansas City und St. Louis. Trotzdem war Chicago besonders attraktiv; es war eine blühende Stadt mit vielen freien Stellen für zureisende Arbeiter, und für die schwarze und farbige Bevölkerung war die Nordstadt weniger rassistisch als die Städte der Südstaaten. Johnny Dodds ging versuchsweise nach Chicago nach einer Tournee mit Billy Mack in 1918 und einer Arbeitsperiode mit dem aus Louisiana stammenden Trompeter Mutt Carey, aber er kehrte nach New Orleans zurück, um noch einmal mit Kid Ory zu arbeiten (sowohl Johnny als auch Baby Dodds hatten mit Carey in Vaudeville Shows gearbeitet). Dodds ging 1920 wieder nach Chicago um bei Joe "King" Oliver zu spielen; in Chicago wurde er berühmt und es blieb seine Basis für den Rest seines Lebens.

Chicago
Während der späten 20'er Jahre gab es starke Verbindungen zwischen Johnny Dodds, Kid Ory und Joe "King" Oliver. Es wird angenommen, dass Ory den Spitznamen "King" für Oliver fand, als Oliver Mitglied in einer von Orys Bands war. Das geschah nicht wie sonst üblich, weil Oliver der beste Kornettist weit und breit war, aber Ory ging davon aus, daß mehr Publikum käme, wenn man Oliver so ankündigte. Obwohl nicht der größte Kornettist seiner Zeit, so war Oliver doch einer der einflussreichsten Musiker in dieser Zeit. Er war auf einer Plantage in der Nähe von Abend, Louisiana, am 11. Mai 1885 geboren worden. Seinen Lebensunterhalt bestritt Oliver anfangs mit Gelegenheitsarbeiten in New Orleans. Aber gleichzeitig lernte er Posaune und Kornett zu spielen und spielte in den bekannten Bands wie "Melrose Brass Band", "Onward Brass Band", "Eagle Band" und A.J. Pirons "Olympia Band". Gegen 1915 leitete er seine eigenen Bands (eine hatte Sidney Bechet auf der Klarinette als Mitglied), aber 1917 stieß Kid Ory zu Olivers Band. Schon um 1919 war dies eine der bekanntesten Bands in der Gegend.
Kurz darauf ging Oliver jedoch nach Chicago (Orys Band verlor so einen Star Kornettisten, aber als Konsequenz gewann man einen anderen – Olivers Nachfolger war Louis Armstrong) und wurde sehr schnell vom Royal Gardens Club engagiert; Johnny Dodds wurde 1920 Mitglied in Olivers Band. Dodds war auch Bandmitglied, als die Band 1921 an der Westküste zu arbeiten begann. Für diesen Tanzhallen Gig in San Francisco bestand die Band aus Oliver, Dodds, Honore Dutrey auf der Posaune, Lil Hardin am Piano, Ed Garland am Bass und Minor Hall am Schlagzeug. Die Gruppe kehrte nach Chicago in die Royal Gardens zurück, die sich nach einer Renovierung nun Lincoln Gardens nannten. 1922 entschied sich Oliver, die Gruppe mit einem zweiten Kornett zu verstärken. Er bemühte sich um Louis Armstrong, der geschworen hatte New Orleans nur für Oliver zu verlassen; damit war nun die klassische "King Oliver & His Creole Jazz Band" etabliert. Neben Oliver und Armstrong spielten Johnny Dodds auf Klarinette, Dutrey, Hardin, Bill Johnson am Bass und Johnnys Bruder Baby Dodds am Schlagzeug – diese Musiker bildeten für einige Jahre die Grundlage für Johnny Dodds‘ musikalisches Leben.

Familienvater
Teil von Olivers "Creole Jazz Band" zu sein muss wie Teil einer Familienband gewesen sein. Joe "King" Oliver war so etwas wie eine Vaterfigur für Louis Armstrong; er spielte eine Schlüsselrolle in der Rettung Armstrongs vor einem Leben als Krimineller, in Armut und möglicherweise Schlimmerem. Armstrong war am 4. August 1901 in New Orleans geboren worden und seine Lebensperspektive zum Zeitpunkt der Geburt konnte kaum schlimmer aussehen. Seine Mutter, Mayann, hatte im Alter von 15 Jahren geheiratet und Louis‘ Vater Willie ließ die Familie im Stich, als Louis noch Kleinkind war. Louis und seine Mutter waren gezwungen in völliger Armut in einer Einzimmerwohnung im Herzen Storyvilles zu leben, wobei die Aufsicht über Louis oft an Willies Mutter Josephine übertragen wurde. Als er sieben Jahre alt war sang Louis mit ein paar Freunden auf den Straßen, im Grunde um etwas Kleingeld zum Überleben bettelnd. Als er 11 Jahre alt war arbeitete Louis für einen Kohlenhändler, aber es schien, als würde auch ein regelmäßiges Einkommen ihn nicht aus Schwierigkeiten heraushalten. In der Neujahrsnacht 1912 wurde er festgenommen, weil er in den Straßen eine Pistole abfeuerte, die er sich von seinem Stiefvater "ausgeliehen" hatte. Louis wurde zu Arrest im "Coloured Waif’s Home", einem Heim für farbige, ausgesetzte Kinder, verurteilt.
Während seiner zwei Jahre Arrest entdeckte man musikalisches Talent bei Louis und er lernte Altsaxophon, Horn und Kornett zu spielen. Bei seiner Entlassung war er entschlossen, Musiker zu werden. Es hätte jedoch auch leicht passieren können, dass Louis wieder in seinen alten Trott zurückgefallen wäre, denn er besaß kein Musikinstrument. Glücklicherweise war er mit Joe Oliver befreundet, der ihm ein Kornett gab, welches er selber nicht brauchte. Für den Rest seines Lebens hatte Louis ein Idol in Oliver, auf den er sich oft als "Pops" (Papa) bezog. Das "familiäre Element" der "Creole Jazz Band" weitete sich noch aus, als das Verhältnis zwischen Louis Armstrong und Lil Hardin mehr als ein rein musikalisches wurde; das Paar heiratete am 5. Februar 1924. Wenn man nun noch die Gebrüder Dodds hinzunimmt wird klar, dass es wirklich eine familienähnliche Gruppe war. Aber wie in den meisten Familien gab es verschiedene Meinungen und so löste sich eines der besten Jazz Orchester der frühen Tage des Jazz in 1924 auf.
Der Grund für die Auflösung der "Creole Jazz Band" ist nicht sicher, aber es wird allgemein angenommen, dass es mit Lil Hardins Ambitionen bezüglich ihres Mannes zu tun hatte. Sie nahm zu Recht an, dass Louis eine bessere Rolle als die des zweiten Kornettisten verdiente, aber weil er mehr an seiner Musik als am Ausbau seiner Karriere gelegen war, bedurfte es der Nachhilfe von Lil, damit er eigene Wege ging. Wahrscheinlich empfand Louis auch viel Loyalität gegenüber Oliver, trotz des Umstandes, dass Louis der bessere Musiker war und Oliver einen großen Teil seines Erfolges dem Kaliber seiner Mitmusiker Dodds und Armstrong verdankte. Nachdem Armstrong die Oliver Band verlassen hatte arbeitete er eine Zeit lang für Ollie Powers Band im Dreamland Club in Chicago, bevor er nach New York weiterzog and Ruhm in Fletcher Hendersons Orchester erlangte. Nach relativ kurzer Zeit arbeiteten Armstrong und Dodds wieder zusammen, aber leider waren Olivers beste Zeiten vorbei. Oliver ging auch in 1924 nach New York, aber er kehrte im gleichen Jahr nach Chicago zurück und arbeitete mit dem New Orleans Holzbläser Barney Bigard in "Oliver’s Dixie Syncopators". Die Depression der dreißiger Jahre traf Oliver genau so hart wie andere Musiker und Nicht-Musiker. Er nahm so viel Arbeit wie möglich während dieser Zeit an, aber Gesundheit und Depression arbeiteten gegen ihn. Als er krankheitsbedingt seine Zähne verlor, konnte er nicht mehr spielen. Oliver löste schlussendlich seine letzte Band in Savannah, Georgia im Jahr 1936 auf. Er nahm Arbeit an als Hausmeister in einem Billard Salon und starb nur 52 Jahre alt am 8. April 1938.

Aufnahmen
Inzwischen hatte Johnny Dodds die Leitung von Freddie Keppards Orchester übernommen, der Hausband von Kelly’s Stable Club in Chicago und er bekleidete diese Position von 1924 bis 1930, während er gleichzeitig auf vielen der klassischen Aufnahme Sessions in der möglicherweise besten Periode des Jazz mitarbeitete. Freddie Keppard war ein Musiker, dessen mystischer Status in der Geschichte des Jazz nur dem von Buddy Bolden nachstand. Keppard war einer der originalen New Orleans Kornettisten (geboren am 27. Februar 1890) und spielte seit 1905 im "Olympia Orchestra". Wie Bolden, als dessen natürlicher Nachfolger er gesehen wird, wird berichtet, dass Keppard ein kraftvoller Spieler war und wie Bolden spielte er im Blues- und Ragtime-Stil, der die Basis für den entstehenden neuen "Jazz"-Sound bildete. Keppard war einer der Musiker, die schon vor der Schliessung Storyvilles New Orleans verließen; 1914 ging er nach Los Angeles, um mit dem "Original Creole Orchestra" aufzutreten.
Keppard wird nachgesagt, er habe Schallplattenangebote in jungen Jahren abgelehnt weil er nicht wollte, dass andere seinen Stil kopieren könnten. Wenn er öffentlich spielte legte er ein Taschentuch über seine Finger und Ventile, damit andere nicht seine Grifftechnik abgucken konnten. Kurz bevor er das Engagement in "Kelly’s Stables" antrat nahm Dodds einen Titel auf, der auf die Tage zurückgreift, zumindest im Titel, als Freddie Keppard und Buddy Bolden ihre Mitmusiker so in den Schatten stellten – "High Society Rag". Die Aufnahme stellt Bud Scott auf dem Banjo heraus. Scott, der 1923 zu King Oliver in Chicago stieß und dort 1926 mit den "Dixie Syncopators" spielte, war am 11. Januar 1890 in New Orleans geboren worden und hatte als Teenager mit Buddy Bolden und Freddie Keppard gespielt. Auch Scott verließ New Orleans vor 1917 und spielte bereits 1915 in Theaterorchestern in New York City. 1926 führte Dodds wieder mit einem Musiker zusammen, mit dem er länger nicht aufgetreten war – Kid Ory – und anderen mit denen er noch kürzlich gespielt hatte. Es war dies die Zeit von Louis Armstrongs "Hot Five" und "Hot Seven" Aufnahmen, die zu den Maßstäben im Bereich der Jazz Aufnahmen gezählt werden. Die anderen Musiker der "Hot Five" – Armstrong, seine Frau Lil, Ory und Johnny St. Cyr spielen neben Johnny Dodds den "Lonesome Blues", aufgenommen am 23. Juni 1926, in der Mitte der "Jazz Ära", in Chicago.

Reputationen
Seit seinen letzten Auftritten mit Johnny Dodds hatte Ory seinen Ruf als führender Posaunist der Zeit etabliert. Zur Zeit der Aufnahme des "Lonesome Blues" war er fast 40 Jahre alt und sein Posaunenspiel in Jazz Ensembles war in einer Art anspruchsvoller geworden, die alle anderen Jazz-Posaunisten beeinflusste. Bevor Ory auf die Szene kam wurde die Posaune als einfache Rhythmusbegleitung eingesetzt, die ein paar Bass-Harmoniepunkte setzte an der sich das Kornett orientierte und um die die Klarinette Kontrapunkte setzte und Melodiephrasen einstreute. Ory machte die Posaune zum vollwertigen Melodieinstrument, welches melodische Einwürfe und Effekte um Kornett und Klarinette einbrachte, statt nur im Hintergrund zu spielen. Sein Ton war auch prägnanter als die frühen Posaunensounds, bewusst rauh und kraftvoll, eine Folge des Einflusses von Buddy Bolden, den er die vielen Jahre vorher am Bahnhof seiner Heimatstadt gehört hatte. Aber Ory hatte ohnehin schon seinen Stempel in der Geschichte des Jazz hinterlassen; seine Band, die unter den Namen "Ory’s Creole Jazz Band" und "Spike’s Seven Pods of Pepper" bekannt war, hatte 1922 die ersten Jazz Aufnahmen schwarzer Musiker gemacht. Man könnte sogar sagen, dass dies die ersten erkennbaren "Jazz Aufnahmen" überhaupt waren, nachdem viele Kritiker die Aufnahmen der weißen "Original Dixieland Jazz Band" nicht für Jazz halten.
Ein anderes Mitglied der bunten Gruppe zum 23.
Juni "Lonesome Blues" war der Banjospieler Johnny St. Cyr. St. Cyr war ein weiterer fest in New Orleans verwurzelter Musiker. Er war dort am 17. April 1890 geboren worden, mit einem Vater, der Flöte und Gitarre spielte und mit dem Orchesterleiter A.J. Piron assoziiert war. Einige frühe musikalische Erfahrungen hatte St. Cyr zwischen 1914 und 1916 sammeln können, als er mit Kid Ory spielte. St. Cyr war auch ein früher Schüler von Fate Marables "schwimmendem Konservatorium", als er auf Riverboats in den Jahren 1917 bis 1919 spielte, und er hatte mit King Oliver musiziert, als der 1923 nach Chicago ging. St. Cyr ging dann 1930 endgültig nach New Orleans zurück, einer der vielen, die von der Depression geschlagen waren, und er arbeitete wieder als Gipser und Putzer, obwohl er nebenbei mit lokalen Bands weiter musizierte.
Ein paar Wochen später, im Juli 1926, machte Dodds wieder Aufnahmen; es war eine Gruppe, die quasi identisch mit der "Hot Five" war, aber ohne Louis Armstrong, wobei George Mitchell mutig die Rolle des Kornettisten übernahm. Mitchell schlug sich tapfer (er wird tatsächlich oft in einer Klasse mit Armstrong und Joe "King" Oliver als Kornett-Pionier des New Orleans Jazz genannt) und nahm neben Dodds "Perdido Street Blues", "Gatemouth", "Too Tight" und "Flatfoot" auf. In etwa dieser Zeit arbeitete Goerge Mitchell mit Lil Armstrong im Chicagoer Dreamland Club. Es gibt wahrscheinlich einen einfachen Grund, warum Mitchells Name trotz seines offensichtlichen Talents nicht so bekannt wurde wie der von Armstrong oder Oliver: nachdem er mit Earl Hines in Chicagos Grand Terrace Club in den Jahren 1929 bis 1931 gearbeitet hatte, er beendete seine Musikkarriere (gerade knapp älter als 30 Jahre) um am Bankschalter zu arbeiten.

Der Blues
Während der Zwanziger Jahre wurden Jazz Musiker oft engagiert, um Blues-Sänger zu begleiten. Die bekanntesten Beispiele hierfür findet man in den Aufnahmen der damals weiblichen Blues-Sängerinnen, die man der Einfachheit halber heute unter der Kategorie "klassische Blues Sängerinnen" zusammenfasst. Zu dieser Gruppe zählen große Namen wie Bessie Smith, Ma Rainey, Trixie Smith, Ida Cox, Sippie Wallace und Alberta Hunter, sowie weniger bekannte wie Clara Smith, Maggie Jones, Chippie Hill, Nolan Welsh und Hociel Thomas. Obwohl auch als Blues-Sänger klassifiziert, sangen sie nicht den ländlichen Blues, den sonst ein Mann sang und sich dabei auf der Gitarre begleitete, sondern hier sangen Frauen mit einer Variete und Show-Erfahrung anspruchsvollere Stücke. Überlicherweise waren sie auch nicht nur Blues-Sängerinnen, sondern trugen Stücke der verschiedensten Stilrichtungen in ihren Darbietungen vor. Für diese Auftritte benötigten sie talentierte Musiker, insbesondere für die Aufnahme-Sessions, bei denen wichtig war, Noten zulesen. Einige der größten Namen aus dem klassischen Jazz erscheinen auf diesen Aufnahmen, unter anderem Johnny Dodds, Louis Armstrong und Sidney Bechet.
Aber diese "Grenzüberschreitung" an der Seite weiblicher Blues-Sänger war nur ein Beispiel für die Mischung verschiedener Stilrichtungen in dieser Zeit. Während sich ein Stil entwickelt ist es nicht so einfach diesen sofort einzuordnen und zu klassifizieren, wie ein paar Jahre später, wenn man einfach ein Genre mit einer Gegend oder einer Gesellschaftsgruppe verbindet. Folgende Stereotypen zeigen dies: städtische Afro-Amerikaner spielen Jazz, ländliche Afro-Amerikaner spielen Blues, ländliche Weiße spielen Country Musik, städtische Weiße spielen Schlager. Die Musik der Jug Bands ist ein gutes Beispiel hierfür. Während man sie heute hauptsächlich mit ländlichen Weißen der Appalachian Berge in Verbindung bringt, wurde sie zu ihrer Zeit hauptsächlich von schwarzen Amerikanern in Städten gespielt und war eine Mixtur aus Ragtime, Blues und frühem Jazz.Das vielleicht offensichtlichste Charakteristikum war die Verwendung entfremdeter Gegenstände als Musikinstrumente. Ein Waschbrett wurde statt eines Schlagzeugs verwandt, ein Waschzuber oder eine Teekiste mit einem Besenstiel und einem Stück Schnur, oder ein Whiskykrug wurden als Bass eingesetzt und ein Kamm, Löffel, sogar Sägeblätter dienten als Führungsinstrumente, um die konventionelleren Geigen oder Banjos zu begleiten.

Baby Dodds
Ein Könner auf Schlagzeug und Waschbrett war Johnny Dodds Bruder, Baby Dodds. Auf den Aufnahmen "Forty And Tight", "Weary Way Blues", "Grandma’s Ball", "Bullfiddle Blues", "Bucktown Stomp" und "Weary City" spielt Baby Dodds Waschbrett neben seinem Bruder Johnny. Baby Dodds, richtiger Vorname Warren, wurde am Weihnachtsabend 1898 in New Orleans geboren und sein ganzes Leben lang arbeitete er neben seinem Bruder – nicht nur in der Musik, sondern auch in dem Taxiunternehmen, dass sie während der Dreißeiger Jahre betrieben. Einer der bekanntesten Vertreter des "Tonkrug als Bassinstrument" war Earl McDonald, dessen "Dixieland Jug Blowers" eine der wichtigsten Bands dieses Genres war. McDonald wirkte beim "Carpet Alley Breakdown", aufgenommen am 11. Dezember 1926 mit. Clifford Hayes ist auch auf dieser Aufnahme. Dieser Geigenspieler war ein anderer wichtiger Name dieses Stils – seine anderen Bands waren die "Old Southern Jug Band" und "Clifford’s Louisville Jug Band", die oft den Banjospieler Cal Smith beschäftigten, der auch beim "Carpet Alley Breakdown" neben Johnny Dodds mitspielte.
Eine andere wichtige Persönlichkeit des Jug Band Genres war Jimmy Bertrand, ein weiterer Waschbrettspieler, der auch neben Dodds auf etlichen Aufnahmen mitspielte. Bertrand war am 24. Februar 1900 in Biloxi, Mississippi geboren worden. Ein Indiz dafür, dass diese Musik nicht immer als so leicht und locker gesehen wurde, wie wir sie heute empfinden ist die Tatsache, dass der berühmte Vibraphonist, Schlagzeuger und Perkussionist Lionel Hampton Betrand als sein Idol verehrte. Der sehr angesehene Jazz Schlagzeuger Sid Catlett profitierte auch von Unterricht, den Bertrand ihm gab. Eine der Bertrand Bands, die "Washboard Wizards", stellte Johnny Dodds und Louis Armstrong groß heraus.
"If You Want To Be My Sugar Papa", aufgenommen am 21. April 1926, wird von diesen drei Musikern dargebracht, zusammen mit Jimmy Blythe am Piano.
Der Pianist Jimmy Blythe, der auf etlichen Aufnahmen mit Johnny Dodds mitwirkte leitete auch diverse Bands, darunter "Jimmy Blythe & His Owls", "Jimmy Blythe & His Ragamuffins", "Blythe’s Washboard Band" und "Jimmy Blythe’s State Street Ramblers". Er war 1901 in Louisville, Kentucky geboren worden und war ein herausragender Pianist in seinem Umfeld; wahrscheinlich wäre er bekannter geworden, wenn er nicht im Alter von nur dreißig Jahren an Meningitis gestorben wäre. Zu Anfang seiner Karriere verdiente Blythe seinen Lebensunterhalt mit der Aufnahme von Piano Rollen (Anm.:Lochstreifen-ähnliche Papierollen, mit denen mechanische Klaviere gesteuert wurden) und er machte seine erste Schallplattenaufnahme im Jahr 1924. Eine seiner frühen Aufnahmen gilt als erste bemerkenswerte Boogie Woogie Aufnahme der Geschichte. Eine ander Aufnahme von Blythe mit Johnny Dodds, "Get 'Em Again Blues" vom 2. Juli 1928, bringt auch Natty Dominique heraus – ein Kornettspieler aus New Orleans, der auf vielen von Dodds‘ späteren Aufnahmen erscheint.

Solo
Gegen Ende der Zwanziger Jahre ließ die Popularität der Jug Band – zumindest in den Aufnahmestudios – nach. Dagegen erreichte die Ära des klassischen Jazz ihren Höhepunkt, mit Solisten des Kalibers eines Johnny Dodds, Louis Armstrong und Kid Ory, die die Aufmerksamkeit der Massen von Orchestern und Ensembles weglenkten. Dodds war natürlich bereits Teil der Band gewesen, die diesen Trend eingeleitet hatte, die "Hot Five", und er bestimmte auch weiterhin bis ans Ende der Zwanziger mit kleinen Gruppen die Richtung. Dodds leitete eine dieser Gruppen, ein Trio, mit der er seine wohl bemerkenswerteste Aufnahme "Blue Clarinet Stomp" am 5. Juli 1928 machte. Dodds wurde darauf begleitet von Charlie Alexander am Piano und Bill Johnson am Bass. Der in Cincinnati, Ohio geborene Alexander war als Pianist aktiv während der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre – während der Zwanziger trat er regelmäßig in Kelly’s Stable Club auf bis ihn Louis Armstrong in seine Big Band holte.
Bill Johnson, der Bassist auf vielen von Dodds‘ späteren Aufnah-men (er wirkte auch bei "Heah‘ Me Talkin‘" und "Pencil Papa" mit) wurde 100 Jahre alt und sah in dieser Zeit die Entwicklung des Jazz von seiner frühen Form bis in die Zeit von der einige Kritiker sagen, dass der Jazz aufhörte. Johnson war am 10. August 1872 auf die Welt gekommen und bereits in seinen Dreißigern, als er Tuba bei Brass Band Paraden in New Orleans in den berühmten "Peerless" und "Eagle" Bands spielte. Ursprünglich hatte Johnson das Gitarrespielen erlernt und in den Jahren um 1890 lernte er Tuba. Als einer der Musiker, die verantwortlich an der Verbreitung der Musik mitgewirkt hatte, die man später Jazz nannte, verließ Johnson New Orleans fast zwei Jahrzehnte vor den meisten Jazz Musikern und nahm die Musik bereits 1908 mit an die Westküste, wo er in Los Angeles spielte. Seine Gruppe war die wegbereitende "Original Creole Band", in der auch Freddie Keppard mitspielte. Die Band war die erste ihrer Art, die in New York City spielte, wo sie sich später im Jahr 1918 auflöste. Danach war Johnson an der Spitze derer, die nach Chicago gingen, wo er in den Jahren 1922 und 1923 Bass und Banjo in "King Oliver’s Creole Jazz Band" spielte.
Die nächsten 25 Jahre blieb Johnson in Chicago, um danach den Musikerberuf aufzugeben und seine letzten Jahre im Ruhestand in Mexico und Texas zu verbringen. Johnsons vielleicht wichtigster Beitrag zur Entwicklung des Jazz war es, den Bogen der Bassgeige zu vernachlässigen und die Saiten statt dessen zu zupfen. Diese Entwicklung erlaubte dem Bass die Tuba als Bassinstrument zu ersetzen und ebnete den Weg für Leute wie Walter Page, der den "walking bass" Stil entwickelte und so in die Swing Ära führte. Bei den Aufnahmen "Heah‘ Me Talkin‘" und "Pencil Papa" spielte der Kornettist Natty Dominique neben Johnson. Dominique hatte auch in den Brass Bands von New Orleans gespielt, obwohl er, als er 1913 in Emanuel Perez Brass Band spielte, 24 Jahre jünger als Johnson war. Dominique, ein Verwandter des New Orleans Holzbläsers Barney Bigard, wurde nach dem ersten Weltkrieg in Chicago berühmt; er spielte mit Carroll Dickerson, Louis Armstrong, Jimmie Noone und Jelly Roll Morton bevor er Johnny Dodds traf. Dominique nahm mit Dodds weiter Schallplatten auf bis zu dessen Tod.

Die 1930’er Jahre
In 1930 beendete Dodds sein Engagement in Kelly’s Stables, aber er spielte weiterhin in anderen Clubs der Stadt, einschließlich dem "Three Deuces". Einen Großteil seiner Zeit konzentrierte er sich auf das Taxigeschäft, in das er mit seinen Brüdern (Baby und Bill) involviert war. Gegen Ende der dreißiger Jahre wandten sich Johnny und Baby Dodds wieder den Aufnahmestudios zu, und etwas ungewöhnlich in New York im Jahr 1938. Die Aufnahme Sessions mit Charlie Shavers waren Johnny Dodds‘ einzige Reisen nach New York City. Am 21. Januar nahm man zwei Titel auf, die ganz stark mit der "Hot Five" verknüpft waren: "Wild Man Blues" und "Melancholy". Ein weiterer Musiker der "Hot Five" wirkte bei diesen Aufnahmen mit, Lil Armstrong. Die anderen Musiker auf diesen Aufnahmen waren ähnlich bekannt; es waren der Trompeter Charlie Shavers, der Gitarrist Teddy Bunn, der Bassist John Kirby und Schlagzeuger und Waschbrettspieler O’Neil Spencer.

Im Frühjahr 1939 erlitt Johnny Dodds einen Herzanfall, der ihn bis zum Januar 1940 lahmlegte, als er eine neue Band zusammen-stellte. Dodds‘ Zahnprobleme verhinderten, dass die Band lange zusammenblieb. Im Juni des gleichen Jahres traf er jedoch wieder mit Natty Dominique für ein paar Aufnahmen zusammen. "Red Onion Blues" und "Gravier Street Blues" wurden am 5. Juni aufgenommen. Alle Musiker dieser Aufnahme Session waren stark mit New Orleans verbunden – nur der Pianist Richard M. Jones und der Bassist John Lindsay waren nicht dort geboren, hatten aber ihre Jahre musikalischer Entwicklung dort verbracht. Es waren nur noch ein paar Jahre bis es eine New Orleans Revival Bewe-gung geben würde; dies würde eine Verbesserung der Lebens-umstände vieler Musiker aus dieser Stadt, die oft gezwungen waren sich anderen Berufen während der schweren Jahre der Depression zuzuwenden, mit sich bringen. Wie schon früher erwähnt hatte es zum Beispiel Johnny St. Cyr für notwendig erachtet, wieder seinem alten Beruf als Pflasterer nachzugehen. Leider konnte Johnny Dodds die Revival Bewegung nicht mehr miterleben – er starb am 8. August 1940.
Nachlass
Trotz des Umstandes, dass viele Kritiker Johnny Dodds die technischen Fähigkeiten anderer New Orleans Klarinettisten absprechen beweisen seine Aufnahmen jedoch, dass der Einfluss eines Musikers nur bedingt mit seinen technischen Fähigkeiten zu tun hat. Die Kontrolle über den Ton, den er über die ganze Bandbreite seines Instrumentes erzielte, das erinnerungswürdige Vibrato und die "blues-igen", einfallsreichen Nuancen, die er in sein Spiel einfließen ließ stellten sicher, dass er immer ein gefragter Musiker bei den Aufnahmen der großen New Orleans Musiker war. Und viel größere und bedeutendere als Louis Armstrong gibt es wohl kaum. Es ist Tatsache, dass Dodds‘ Mitwirkung bei den "Hot Five" genauso viel für deren Erfolg beitrug wie die Anwesenheit des weltbesten Trompeters. Johnny Dodds‘ Ruf als der möglicherweise größte New Orleans Klarinettist wird nicht nur durch die "Hot Five" Aufnahmen belegt, sondern auch von allen seinen anderen Aufnahmen, die Zeugnis seines Talents und Einflusses bleiben.

D.U.

(vom Begleitheft des CD-Sets "Johnny Dodds" der Reihe "classic jazz archive" übernommen, aus dem englischen ins Deutsche übersetzt von Jürgen Kulus)